FRISCH AUF!-Fangeschichten Ausgabe #3

„Der Tramper von Wien“

Zur Saison 2005/2006 erreichte unser FRISCH AUF! erstmals nach 32 Jahren wieder einen europäischen Wettbewerb. Die Teilnahme am EHF?Cup stand bevor. Die gesamte Fangemeinde, insbesondere die diversen Fanclubs und ?gruppierungen fieberten diesem Ereignis entgegen. Mitte Oktober erfolgte dann die Auslosung der 3. Runde, in welcher FRISCH AUF! in den Wettbewerb einsteigen durfte. Das Los bescherte uns den Handballclub WAT Margareten aus Wien. Ein sportlich machbares und vor allem reisetechnisch attraktives Los. Das Hinspiel in Göppingen endete am 06. November 2005 mit einem recht locker herausgespielten 34:27.

In der Zwischenzeit hatte eine Fangruppierung ein sehr preisgünstiges Reisepaket für das Rückspiel in Wien geschnürt. Und so machte sich in der Nacht auf den 12.11.2005, neben einigen individuell Anreisenden, ein voll besetzter Reisebus auf den Weg Richtung Österreich. Es erfolgte noch ein Zwischenstopp am Münchener Hauptbahnhof, um weitere Mitreisende aufzunehmen. Dann ging die Fahrt weiter durch eine kurzweilige Nacht, in der die Geselligkeit gepflegt wurde und deshalb der Schlaf viel zu kurz kam. In den frühen Morgenstunden, wir waren laut unserem Reiseleiter mittlerweile etwa 100 km vor Wien, steuerte unser Reisebus eine Raststätte an, zwecks Frühstück und eventuell diverser anderer Verrichtungen. Und ich könnte heute noch beschwören, der Busfahrer hatte als Abfahrtszeit 07.30 Uhr durchgesagt. Gemeint hat er aber wohl was anderes. Um etwa 7.20 Uhr verließen jedenfalls die meisten Mitreisenden die Raststätte. Ich hatte noch einen halbvollen Kaffeepott vor mir stehen und dachte mir: „Keine Hektik, ist ja noch genug Zeit“. Also schäkerte ich noch mit den Bedienungen, leerte meinen Kaffee und begab mich um kurz vor halb acht zur Parkposition unseres Busses. Dort angekommen erblickte ich jedoch: nichts!

Ich war zunächst fassungslos, und ziemlich viele Gedanken rasten mir durch den Kopf. Nach gefühlten zehn Minuten hatte ich realisiert: Die sind jetzt tatsächlich ohne mich weiter gefahren. Wenigstens hatte ich Jacke und Handy aus dem Bus mitgenommen, und so versuchte ich nun, unseren Reiseleiter zu erreichen. Dessen Nummer war ohne deutsche Vorwahl auf meinem Handy gespeichert, was ich in meiner Konfusion völlig übersah. Und so landeten meine Kontaktversuche jedes Mal beim Anrufbeantworter des Österreichischen Fußballverbandes! Mir ist dann nichts anderes mehr eingefallen, als die Hotline meines Mobilfunk?Anbieters anzurufen. Die Dame dort wies mich freundlich in die Geheimnisse des Roaming ein. Daraufhin erreichte ich also tatsächlich unseren Reiseleiter im Bus. Dieser bedauerte zwar den Umstand, gab mir aber zu verstehen, dass der Bus definitiv nicht umkehren würde, da sie sich bereits kurz vor Wien befanden. So stand ich nun also hier in der österreichischen Walachei – doch meine Rettung ließ nicht lange auf sich warten. Ein Reisebus kam auf den Parkplatz gefahren. Ich lief sofort dorthin und noch bevor jemand aussteigen konnte, stand ich schon an der Türe. Ich wurde zunächst mal kritisch beäugt und schilderte nun dem Busfahrer und dem Reiseleiter meine missliche Lage. Meiner Bitte, nach Wien mitgenommen zu werden, wurde aber entsprochen. Und da die Reisegruppe wohl nur einen kurzen Pinkelstopp machte, ging die Fahrt gleich weiter und ich war auch wieder auf dem richtigen Weg. Meine neue Reisegruppe stellte sich als ein Musikantenverein auf dem Weg zu einem Musikantentreffen im Burgenland heraus. Ich schilderte den Umsitzenden den Sinn und Zweck meiner Reise sowie den Umstand der plötzlichen Unterbrechung, damit war ich adoptiert. Meine Mitreisenden ließen mich an ihrer morgendlichen Brotzeit teilhaben („Mogst a an Knacker?“) und so saß ich da, mit Bier und Bockwurst, und war zufrieden.

Nach einer guten Stunde hatten wir die Peripherie von Wien erreicht. Der Reiseleiter kam an meinen Platz und meinte, es täte ihnen leid, aber sie seien schon zeitlich im Verzug und könnten mich deshalb nur an einem Rastplatz, den wir in Kürze erreichen, aussetzen. Ich bedankte mich sehr für die freundliche Mitnahme, verabschiedete mich von allen und hatte nun also Wiener Boden unter den Füßen. Leider habe ich es versäumt, die Kapelle nach ihrer Internetadresse zu fragen. Ich wäre gerne nochmal mit denen in Kontakt getreten.

Nun musste ich also nur noch den Weg zum Hotel finden. Name des Hotels und Adresse waren mir geläufig, also fragte ich im Tankshop der Raststätte nach dem Fußweg zur nächsten U?Bahn?Station. Der dort Beschäftigte wies vage in eine Richtung und merkte noch sinngemäß an, es sei wohl eine längere Strecke bis dorthin. Egal, ich marschierte los. Nach über einer Stunde strammen Fußmarsches auf irgendwelchen Feldwegen erkannte ich in der Ferne wieder bewohntes Gebiet. Mein erster direkter Kontakt mit Wien war dann also eine Trabantensiedlung, zugestellt mit den Bausünden der 1960er Jahre. Dort fand ich aber relativ schnell eine U?Bahn?Station. Nach kurzem Studium des Netzplanes ging die Reise unterirdisch weiter, und nach einmal Umsteigen und etwa eine halbe Stunde später hatte ich mein Ziel erreicht: Parkhotel Schönbrunn.

Mittlerweile doch ziemlich groggy, checkte ich dort ein, bekam mein Gepäck, ging aufs Zimmer und holte erst mal ein paar Stunden Schlaf nach. Im Laufe des Nachmittags erwachte ich wieder, schnappte mir Handtuch und Badehose und begab mich ins Souterrain des Hotel?Komplexes. An der schon von weitem hörbaren Geräuschkulisse erkannte ich: Der Rest der Truppe war inzwischen vom Sightseeing zurückgekehrt. Als ich den Poolbereich betrat, bekam ich, der „verlorene Sohn“, erst mal ein riesen Hallo! Nachdem diverse Frotzeleien ausgetauscht waren, wurde noch etwas geplanscht und in der Sauna rumgefläzt. Dann gingen alle auf ihre Zimmer, um sich für den Abend zu richten, denn wir waren ja nicht zum Spaß hier. Als sich alle, in Grün und Weiß gewandet, im Foyer versammelt hatten, brachen wir geschlossen auf und fuhren mit der Straßenbahn Richtung Innenstadt zur Halle.

Dort angekommen trafen wir auf einige weitere Göppinger, die per Zug oder PKW angereist waren. Und es war eine besondere Atmosphäre in der Halle, wie man sie nicht oft erlebt. Lauter vorfreudig strahlende Gesichter, und jeder für sich hatte wohl den gleichen Gedanken: „Hey, das erste EC?Auswärtsspiel von FRISCH AUF! seit 32 Jahren – und ich bin dabei!“ Dementsprechend euphorisiert übernahmen wir die klare Stimmungshoheit in der Halle und feuerten unsere Mannschaft mit allem an, was Hände und Stimmbänder hergaben. Somit stand am Ende ein 31:37 auf der Anzeigetafel – FRISCH AUF! hatte die erste Europapokalhürde locker übersprungen. Dies wurde im Foyer der Halle noch lange gefeiert.

Auch die Mannschaft war bester Dinge. Fast jeder Spieler kam zu uns ins Foyer, bedankte sich für den Support und knallte uns einen "Fuffi" auf die Theke. Dieser wurde dann sogleich wieder in österreichisches Bier umgesetzt, das übrigens besser ist als sein Ruf. Irgendwann räumten wir dann doch noch die Halle. Und während die einen sich noch ins Wiener Nachtleben stürzten, zog ich es mit anderen vor, ins Hotel zurückzufahren. Nachdem dort an der Bar nichts los war, begab ich mich aufs Zimmer, guckte bei einem Absacker das Sportstudio und begab mich ins Bett.

Am nächsten Morgen trafen sich alle wieder am Frühstücksbuffet. Die einen mehr, die anderen weniger ausgeschlafen. Nach dem Frühstück versammelten sich alle abreisefertig im Foyer und ich stellte mit einem Mitreisenden unsere „internationale Härte“ unter Beweis, indem wir die letzten österreichischen Dosenbiere, die ich noch in meinem Rucksack gefunden hatte, unter den pikierten Blicken der übrigen Hotelgäste leerten. Es folgte noch eine Stadtführung, damit der kulturelle Teil auch nicht zu kurz kommt. Und in den Mittagsstunden begann unsere Rückfahrt ins Filstal. Diese verlief komplikationsfrei, da mich unser Reiseleiter bei jedem Stopp keine Sekunde aus den Augen ließ und dem Busfahrer erst das Kommando zur Weiterfahrt gab, als ich wieder auf meinem Platz saß. So erreichten wir in den späten Abendstunden wieder Göppingen. Ich und ein paar andere ließen dieses tolle Wochenende noch in einer Göppinger Kneipe ausklingen. Für mich persönlich war es eine der schönsten Auswärtstouren, die ich je mitgemacht habe. Trotz, oder gerade wegen meiner kleinen Odyssee. In Göppinger Handballkreisen hab ich mich mit der Nummer unsterblich gemacht. Keine Auswärtsfahrt, auf der ich nicht darauf angesprochen werde. Das geht einem zwar irgendwann tierisch auf den Sack, aber ich muss wohl damit leben: Den „Tramper von Wien“ werden sie mir noch auf meinen Grabstein meißeln...

Georg Schröder