FRISCH AUF!-Fangeschichten Ausgabe #2

Heute veröffentlichen wir die 2. Fangeschichte aus dem Buch "FAG - Das sind die Fans und ihre Geschichten", das vor nicht allzu langer Zeit unter Federführung von Oliver Sihler entstanden ist. Und erneut handelt es sich um einen Beitrag aus der Aufstiegssaison 2000/2001, die viele Fans so begeistert und zusammen geschweißt hat.

„Nie mehr 2. Liga, nie mehr...“

Es war Anfang der 80er Jahre, als unsere damalige Klassenlehrerin mit Freikarten für ein Heimspiel von FRISCH AUF! Göppingen umherwedelte. Samstagabend, 19.30 Uhr, Hohenstaufenhalle. Passt, dachte ich mir damals, nicht ahnend, dass mich dieser Verein seit dem nicht mehr loslässt. Gegner war damals der MTSV Schwabing. Die Stars von damals, Klempel, Schlögel, Moli, kannte ich nur aus der Zeitung. Vielleicht hätte ich mir damals auch eine leere Sprudelkiste mitnehmen sollen wie viele andere auch, die in der 3. und 4. Stehplatzreihe standen, dann hätte ich sicher mehr vom Spiel gesehen. Egal, allein die Stimmung, die in dieser Halle herrschte, entschädigte für vieles! Den Abstieg, die Spielgemeinschaft mit Scharnhausen miterlebt und schlussendlich in der Saison 2000/01 eine Dauerkarte mit meiner Frau erworben. In dieser Zeit habe ich auch begonnen, regelmäßig mit dem Fanbus zu Auswärtsspielen zu fahren. Schnell lernte man andere „Verrückte“ in dem Bus kennen und schnell waren Freundschaften geschlossen, die heute noch Bestand haben und mit Patenschaften für Kinder oder als Trauzeuge vertieft wurden.

Jeder hatte seinen festen Platz im Bus. Auch für das leibliche Wohl war immer gesorgt und so wurde munter getrunken (bis auf die 1l-Faxxe-Dose von Kretsche) und gevespert. Auf den zum Teil doch längeren Auswärtsfahrten wurden Fanlieder komponiert und Choreos besprochen. An eine dieser legendären Auswärtsfahrten möchte ich euch nach all den Jahren noch teilhaben lassen.

Samstag, 28.04.2001, 19:30 Uhr, Sporthalle Berufliche Schulzentren Eschwege (Danke an Pino Sihler für die Daten, er hatte doch tatsächlich noch seine Eintrittskarte von damals). Der Eschweger TSV 1948 empfing am vorletzten Spieltag FRISCH AUF! Göppingen. Was so besonders war? FRISCH AUF! war zu diesem Zeitpunkt bereits in die Bundesliga aufgestiegen und Eschwege stand bereits als Absteiger fest und musste den Weg in die Regionalliga gehen. Von der Papierform her also ein völlig uninteressantes Spiel für einen Handballfan. Richtig, für einen Handballfan, aber wir waren ja „Verrückte“, also damals noch SMS geschrieben und schnell war klar, wir fahren nach Eschwege im vollbesetzten Fanbus!

Ich habe gerade nochmals geschaut, das sind knapp 400 Kilometer und mit dem Bus inklusive diverser, nötiger Stopps locker zwischen fünf bis sechs Stunden Fahrt. Saubere Leistung für ein Spiel um die berühmte goldene Ananas. Also Check?In Hohenstaufenhalle, Parkplatz am Sportlereingang. Der Rucksack war gepackt mit Essen und natürlich dem einen oder anderen Kaltgetränk. Ob bei dieser Fahrt wieder die 1l-Faxxe-Dose am Start war? Sorry, keine Ahnung mehr.

Nach und nach trafen die üblichen Verdächtigen ein, im Bus wurden die Plätze eingenommen und es konnte losgehen. 400 Kilometer und knapp sechs Stunden Fahrt lagen vor uns. Kaum war der Bus am Rollen, schon floppten die ersten Korken und wir begannen, uns auf das kommende Spiel einzustimmen. Natürlich durfte auch diesmal unser Busfahrer-Lied für Holger Schnizler (Holger, es war immer zu schön) nicht fehlen.

Da wir, besser gesagt FRISCH AUF!, nun sicher nächste Saison in der Bundesliga spielen würden, gingen schon die ersten Planungen los, wo man auf alle Fälle hinfahren müsste. Jetzt kamen Namen wie Lemgo, Gummersbach und Kiel ins Spiel. Die Vorfreude war riesig. Ernste Themen kamen bei solch einer Auswärtsfahrt selten auf, es ging eher darum, mal dem einen oder anderen einen Streich zu spielen und ihn auf die Schippe zu nehmen. Ich denke, jeder hat gut ausgeteilt und hat gut einstecken können. Wie habe ich oben geschrieben? „Verrückte“ eben.

Endlich, nach wieder mal viel zu vielen „Pinkelpausen“ in Eschwege angekommen, wurden am Bus die Eintrittskarten verteilt. Block 6, Reihe 7, Platz 563 wurde mir zugewiesen – aber eigentlich völlig egal, jeder saß da, wo Platz war, wie immer eigentlich. Bevor es jedoch in die Halle ging, wir hatten noch über eine Stunde Zeit, suchten wir die Verpflegungsstation auf. Ein kühles Blondes und ´ne Rote wurden geordert und dabei der erste Kontakt mit einheimischen Fans geknüpft. Man unterhielt sich über die Saison, wie die Anreise war und natürlich die Erwartungen an das kommende Spiel. Stimmt, 60 Minuten Handball gab´s an dem Abend ja auch noch. Wir erwarteten nicht viel, einen lockeren Auswärtssieg und gute Stimmung im Fanblock. Doch was an dem Abend noch „passierte“, bleibt wohl einmalig für die Handball-Bundesliga. Das Pils schmeckte so gut, dass wir gleich einen ganzen Kasten kauften. Das Blöde war nur, das Spiel sollte gleich beginnen und der Kasten war noch nicht leer. Nun war guter Rat teuer! Was machen wir jetzt? Logisch, wir nehmen den Kasten mit in die Halle, in den Fanblock. Geglaubt hat da keiner dran, dass dies funktioniert, aber wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Also mit 20 Mann eine Polonaise gebildet, der Frontmann den Kasten Bier in den Händen und ab an den Ordnern vorbei mit lauten Gesängen in den Fanblock. Na, das ging ja einfach! Auch hier, wenn auch schon 14 Jahre her, noch ein großes Danke an die Crew vor und in der Halle! Respekt!

Jetzt also 60 Minuten Handball. Wie nicht anders zu erwarten, das Spiel war kein Brüller. FRISCH AUF! dominierte und Eschwege hielt so gut es ging dagegen. Halbzeit! Das stille Örtchen aufgesucht, vor der Halle wieder mit den Fans aus Eschwege unterhalten und weiter ging´s mit Halbzeit 2. Wir stimmten so langsam wieder den Gesang „Nie mehr 2. Liga, nie mehr, nie mehr…“ an, als sich unser Fanblock plötzlich über Zuwachs freuen durfte. Die Jungs aus Eschwege gesellten sich zu uns und stimmten dem Gesang mit ein. Passte ja, FRISCH AUF! ging nach oben, Eschwege nach unten – also für beide „nie mehr 2. Liga“. Das war der Knaller. Wir hatten einen riesen Spaß zusammen. Tja, und dann kam Egon Graf. Egon wer? Egon Graf, der Torhüter von Eschwege. FRISCH AUF! verballerte einen Angriff und Eschwege ging in den Tempogegenstoß. Nein, nicht über die Außen oder über die Rückraumspieler, Egon Graf nahm das Heft in die Hand und prellte mit dem Ball Richtung FRISCH AUF!-Abwehr. Was heute ein Heinevetter macht, konnte Egon Graf damals schon lange. Heinevetter spielt den Ball ab, Egon Graf nicht. Er nahm sich ein Herz und pfefferte den Ball aufs Göppinger Gehäuse. Ob er drin war? Sorry, ich weiß es nicht mehr – aber die Aktion allein war mega!

Eins war uns allen jetzt klar, Egon Graf musste gefeiert werden. Mit Eeeegon-Eeeegon-Sprechchören hat es angefangen. Ein zaghaftes Winken kam von ihm zurück. Da geht noch mehr. Als der komplette Fanblock die Hände nach vorne streckte und die Welle andeutete, ließ sich Egon Graf nicht zweimal bitten und wir machten, während Eschwege im Angriff war, mit Egon die Welle… Überragender Mann!

FRISCH AUF! gewann das Spiel wie erwartet, aber aus dem Spiel um die goldene Ananas wurde ein verdammt witziger Abend, den es so heute wohl in den Handballhallen Deutschlands in der 1. und 2. Bundesliga nicht mehr geben würde. Eine Saison später führte uns der Weg nach Gummersbach zum Auswärtsspiel beim VfL. Und wen hatte Gummersbach als zweiten Torhüter verpflichtet? Ihr könnt es euch denken – und er wurde wieder von uns gefeiert! Seinem Gesichtsausdruck zufolge können wir sagen: Er hat uns wieder erkannt.

Markus Weisl