FRISCH AUF!-Fangeschichten Ausgabe #11

Vom Nichtschwimmer zum FRISCH AUF!-Anhänger

Wir schreiben das Jahr 1968. In der Bundesrepublik Deutschland entstanden Studentenbewegungen, die später als die sogenannte „68er Bewegung“ Einzug in die Geschichtsbücher nahmen. Es war der Beginn der RAF und der damit verbundenen Terrorwelle. Kurt Georg Kiesinger war Bundeskanzler und Heinrich Lübke der Bundespräsident. Deutscher Fußballmeister war der 1.FC Nürnberg mit Max Merkel. Die Halbe Bier kostete 65 Pfennig. Die Hitparaden bestimmten die Beatles mit „Hey Jude“, die Rolling Stones mit „Jumpin‘ Jack Flash“, Manfred Mann mit „Mighty Quinn“ und bei uns sang Heintje von seiner „Mama“. Bemerkenswert auch der Sprung ins nächste Jahrhundert von Bob Beamon im Weitsprung, auf 8,90 Meter bei den 19. Olympischen Sommerspielen in Mexiko-Stadt.

Es war auch das Geburtsjahr von zwei Handballspielern, die später bei FRISCH AUF! aufs Tor warfen: Lars-Henrik Walther und Aleksandar Knezevic, der heute im sportlichen Bereich das Sagen hat (Anm.d.Red. Zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung). In diesem Jahr ging ich als 12-jähriger Bub aus Sulpach in das Hohenstaufen-Gymnasium in Göppingen. Ich kam aus keiner sportverrückten Familie, denn in der Freizeit hieß es auf dem elterlichen Bauernhof oder in der eigenen Dorfgaststätte mitzuhelfen. So war bei mir auch keine große Leidenschaft für einen speziellen Verein im Handball zu bemerken. Im Fußball war meine Begeisterung damals schon für den VfB Stuttgart da, weil mich mein Onkel ab und zu mit ins Neckarstadion nahm. Woher kommt dann meine Begeisterung für FRISCH AUF!?

Ganz einfach – es begann damit und es war ja nicht verwunderlich, ich war Nichtschwimmer auf dem Gymnasium. Da bot das Ho-Gy am Montagmittag eine Nichtschwimmer-AG an unter Leitung von einem Sportlehrer namens Horst Singer. Da musste ich dann jeweils am Montagnachmittag teilnehmen und hatte unheimlichen Respekt, ja Angst vor dem Schwimmbecken. Doch bei unserem Sportlehrer Horst Singer war ich in guten Händen. Ich wusste zunächst nicht, wem ich mich hier im Göppinger Hallenbad anvertraute. Der Name sagte mir nichts, er war eben mein Lehrer.

Später wusste ich, er war einer von den Kempa-Buben, Handballnationalspieler und der Linkshänder und Spielmacher von FRISCH AUF! Göppingen. All dies wusste ich nicht, woher auch? Es gab keine Handys, kein Internet und keine sonstigen neuen Medien. Für mich war er nur der Sportlehrer, der mir das Schwimmen beibringen sollte. Woche für Woche ging es somit am Montag nach Göppingen ins Hallenbad und Horst Singer schaffte es dann wirklich, auch mir, dem Angsthasen, das Schwimmen beizubringen. Ich wusste dann auch von Woche zu Woche mehr über meinen Sportlehrer. Sein Spitzname war „Spatz“, da die Familie nach dem Krieg von Ulm nach Göppingen zog. 1968 war er schon sechsmal Deutscher Meister, zuletzt 1965, und Kapitän von FRISCH AUF!. Natürlich wollte ich dann als 12-Jähriger immer meinen Lehrer Handball spielen sehen. Dies war jedoch nicht so einfach, da meine Eltern nicht sportinteressiert waren und zudem wegen der vielen Arbeit auf dem Bauernhof auch keine Zeit hatten, um in die neu fertiggestellte und im Dezember 1967 eingeweihte Hohenstaufenhalle nach Göppingen zu fahren, um Spiele von FRISCH AUF! anzusehen.

1966, bei Gründung der Handball?Bundesliga in eine Nord- und Südstaffel, war FRISCH AUF! nicht dabei, stieg jedoch dann im ersten Jahr sofort auf. Die Mannschaft belegte 1968 den 2. Platz in der Südstaffel hinter der SG Leutershausen, die dann auch Deutscher Meister wurde. In den folgenden zwei Jahren durfte ich dann immer mal wieder Spiele in der Hohenstaufenhalle ansehen, wenn es mir mit langem Flehen und häufigem Betteln gelang, dass mich meine Eltern mit den Nachbarn zu Handballspielen nach Göppingen mitgehen ließen.

1970 war es dann soweit, mein Sportlehrer wurde mit FRISCH AUF! zum achten Mal Deutscher Meister. Im Endspiel besiegte die Mannschaft von Bernhard Kempa in Frankfurt den VfL Gummersbach mit 22:18. Mein Lehrer war mit zwei Toren erfolgreich und im Tor stand Uwe Rathjen, der ja heute auch noch bei jedem Heimspiel auf der Tribüne sitzt (Anm.d.Red. inzwischen leider verstorben). Duelle zwischen Göppingen und Gummersbach waren in diesen Zeiten die Klassiker im Handball. Höhepunkte in diesen Spielen waren die Duelle zwischen Hansi Schmidt und Horst Singer, die eigentlich immer eine kleine Privatfehde austrugen.

Meine Begeisterung für FRISCH AUF! nahm dann 1972 so richtig Fahrt auf, denn am 30. Januar feierte Göppingen die neunte und vorerst letzte Deutsche Meisterschaft im Handball. Im Endspiel in Böblingen besiegte man erneut den VfL Gummersbach mit 14:12. Bemerkenswert auf dem Weg dorthin, dass man im Halbfinale in zwei Spielen den THW Kiel mit 11:12 und 16:14 n.V. besiegte.

Trainer war damals Edmund Meister. Meine Leidenschaft für diesen Verein nahm dann immer mehr zu. Im Frühjahr 1973 gipfelte sie darin, dass ich, sofern Spiele unter der Woche in der Hohenstaufenhalle stattfanden, die Tanzstunde im Schwehr „schwänzte“. Natürlich durften dies die Eltern nicht wissen. Dann ging ich eben statt in die Tanzschule Schwehr zu FRISCH AUF!. Dabei bleibt mir aus dieser Zeit immer ein Spiel gegen Grün-Weiß Dankersen in Erinnerung. Das Hinspiel verloren die Jungs von Trainer Edmund Meister mit 18:14. Zuhause brannten sie ein unglaubliches Feuerwerk ab. 18:5 wurde die Lübking-Truppe aus der Halle gefegt. Die Halle glich einem Tollhaus. Statt Foxtrott in der Tanzstunde machte ich Polonaise in der Hohenstaufenhalle. Leider wurde das Endspiel gegen den alten Rivalen Gummersbach mit 18:21 in der Dortmunder Westfalenhalle verloren.

Also müssen es schon gewisse Ereignisse gewesen sein, die mich als Kind oder Jugendlichen so ein besonderes Gefühl für FRISCH AUF! aufkommen oder entwickeln ließen, damit man mit diesem Verein ein Leben lang verbunden bleibt oder mitfiebert. Diese Begeisterung zeigte sich in den 70er-Jahren auch darin, dass wir am Samstagabend vor dem Radio saßen und auf die Live-Berichterstattung aus der Hohenstaufenhalle um 22.10 Uhr, nach den Nachrichten, im damals noch Süddeutschen Rundfunk warteten. Ja, damals gab es noch keine andere Nachrichtenquelle und der SDR hatte noch Handball in seinem Radioangebot mit Reportern wie Gerd Million oder Volker Rath, einem Namensgenossen.

Die Begeisterung zum Handball in Göppingen hielt über all die Jahre. Nach meiner Heirat schaffte ich es, dass auch meine Frau, die vorher wenig mit dem Handball in Berührung kam, diese Liebe und Begeisterung für den Handball mit mir teilt. Unsere drei Kinder haben wir dann auch so erzogen, dass sie immer den Weg in die Hohenstaufenhalle mitgehen mussten. Deren Begeisterung gipfelte dann in der Gründung des Pascal-Morgant-Fanclubs, dem sie jahrelang die Treue hielten, bis der neu verpflichtete Velimir Petkovic ihn aus dem Kader verbannte. Über all die Jahre habe ich eigentlich nur den Weg in die Hohenstaufenhalle etwas gebremst, als ein gewisser Rolf Brack Trainer in Göppingen war. So bin ich heute noch meinem Sportlehrer Horst Singer dankbar, dass er mich zum Schwimmer ausbildete und nebenbei noch zum FRISCH AUF!-Anhänger machte. Dazu passt, dass wir beide Fisch im Sternzeichen sind und er einen Tag vor mir Geburtstag hat. So feierte er am 02. März 2015 seinen Achtzigsten, wozu ich gratuliere und ihm noch viele gesunde Jahre wünsche, damit er auf der Tribüne mit seinem FRISCH AUF! weiter mitfiebern kann.

Eduard Rath