FRISCH AUF!-Fangeschichten Ausgabe #5

Logenfahrt nach Wetzlar

Unter dem Motto „Auswärtsfahrten sind etwas ganz Besonderes“ haben wir viele Touren zu den Spielen unserer Mannschaft geplant. Bei der Fahrt nach Wetzlar im März 2007 wollten wir dem noch die Krone aufsetzen. Wo es sonst selbstverständlich ist, die Karten im speziell reservierten Gästeblock zu bestellen, hatte unser „Chefplaner“ die Idee, als Highlight eine Loge für 34 Leute (die größte dort verfügbare) zu buchen. Der Gedanke daran, unser Team von dort oben exklusiv anzufeuern und das angenehme Drumherum nebst Catering in Anspruch zu nehmen, faszinierte mehr und mehr. Also Daten der Rittal?Arena in Wetzlar herausgesucht und eine Mail mit der Bitte um Angebotserstellung verfasst – unter dem Namen des Fanclubs von FRISCH AUF! Göppingen. Gespannt warteten wir auf die Antwort. Doch was passierte: absolut nichts. Keine Mail, kein Anruf – Schweigen auf der anderen Seite. Offensichtlich war der Gedanke, den gegnerischen Fanclub in einer ihrer Logen sitzen zu haben, für die Wetzlarer nicht besonders erbaulich.

Als wahrer Schwabe gibt man jedoch niemals auf! Wir änderten die Taktik. Erneut ging eine Mail an die Logenvermieter in Wetzlar, doch nun unter meinem Namen plus der Geschäftsadresse meines renommierten Arbeitgebers. Sehr schnell erhielt ich ein sensationelles Angebot: 2.000 Euro für eine 34er Loge! Catering sollte auch dabei sein. Die Beratung im Fanclub war kurz – wir mussten einfach zuschlagen. Gesagt, getan. Ich wollte buchen. Doch plötzlich der nächste Stolperstein: derjenige, der die Kalkulation erstellte, sollte nicht mehr zuständig sein. Wahrscheinlich war ein anderer darüber gestolpert und schlichtweg entsetzt über den Preis. Es folgten diverse Telefonate, zuletzt mit dem Geschäftsführer der HSG Wetzlar. Zum Schluss hatten wir vereinbart, dass wir statt des Caterings in der Loge volle Verpflegung vor und nach dem Spiel im VIP?Bereich des Vereins erhalten, in dem sich sonst nur die Sponsoren des Vereins aufhalten. Ein super Deal!

So machten wir uns am Spieltag beschwingt auf in Richtung Wetzlar. Dieses besondere Event zog natürlich genügend Fanclub?Mitglieder an, um die Loge zu füllen. Wie immer waren wir alle in Fankleidung von FRISCH AUF!, außer mir. Ich hatte mir den Dresscode „Business“ verschrieben. Die Geschäftsführung von Wetzlar sollte bis zum Schluss davon ausgehen, dass ich mit einem Bus voller Geschäftsleute und Bankern anreise.

An der Halle angekommen, wurden alle instruiert, den Bus nicht zu verlassen. Ich wurde sehr freundlich empfangen, als ich die reservierten Logenkarten abholte. Es gab ein paar Instruktionen. Nun war die Zeit gekommen, meine „Gäste“ aussteigen zu lassen. Man konnte förmlich Entsetzen auf der Gegenseite darüber spüren, dass man sich den Fanclub von FRISCH AUF! in die Loge geholt hatte. Nach außen hin wollten sich unsere Gastgeber wenig anmerken lassen und cool wirken, aber Hektik und Unruhe ließen sich nicht komplett verbergen. Wahrscheinlich war es die Angst, dass wir entweder die Loge auseinander nehmen oder uns im VIP?Bereich total daneben benehmen. Aber aus der Nummer kamen sie jetzt nicht mehr heraus.

Vor dem Spiel gab es zunächst gepflegt Kaffee und Kuchen in sehr angenehmem Ambiente. Die anderen VIP?Gäste wunderten sich über die ungewohnt bunte Truppe aus dem Schwabenland, es gab aber keine Animositäten. Dann ging es zur Loge. Genial waren natürlich die Aussicht von oben und die Exklusivität, die wir sonst nie hatten. Sensationell das Eintreffen unserer FAG-Spieler zum Warmmachen. Zuerst den üblichen Gästeblock vor Augen, gingen die verblüfften Blicke hoch zur Loge, wo wir uns lautstark und mit Schwenkfahnen vom Logenbalkon aus bemerkbar machten. Die Begeisterung unserer Spieler war nicht zu übersehen und somit traf unsere Aktion voll ins Schwarze!

Das eigentliche Spiel geriet fast zur Nebensache. Wie gewohnt hatten unsere Mannen ihre Schwierigkeiten mit der kompakten Abwehr der Wetzlarer, und wenn sie diese mal überwanden, scheiterten sie oft noch am starken Torwart. So stand am Ende wieder mal eine Niederlage. Überraschenderweise saß sie dieses Mal nicht so tief, weil wir uns richtig auf das anschließende Essen und Trinken im VIP?Bereich freuten. Dort war der Andrang deutlich größer als beim Kaffee vor dem Spiel. Die dortige Crew hatte wohl nicht mit so hungrigen und vor allem durstigen Mäulern gerechnet. Ein Bier nach dem anderen ging über den Tresen. Die Stimmung wurde zunehmend ausgelassener, sehr zum Leidwesen unserer Gastgeber, die Ihren Sponsoren sonst eine eher gediegene Atmosphäre boten. Irgendwann trat Axel Geerken, damaliger Geschäftsführer der HSG Wetzlar, auf den Plan. Ich hörte ihn schon rufen: „Wo ist die Dame von der Bank?“ Es war an mir, unsere Leute von Fanclub stimmlich etwas zu bremsen. Dies gelang auch halbwegs. Trotzdem waren wohl alle Wetzlarer dort heilfroh, als wir uns auf den Heimweg machten.

Für uns war es ein Riesenspaß, und ich kann mich nicht erinnern, dass wir jemals nach einem verlorenen Spiel so vergnügt nach Hause gefahren sind. Inzwischen ist Axel Geerken auch wieder versöhnlich gestimmt, was meine Person anbetrifft, und wenn wir uns wo auch immer in der Republik begegnen, kommt der Spruch: „Ah ja, die Dame von der Bank!“

Elke van der Meulen